Rainer Sandweg - Überlegungen zur Übertragung und deren Handhabung in unterschiedlichen psychodynamischen Behandlungsformen

Ich glaube zu wissen

Das Phänomen der Übertragung ist ein zentraler Begriff in der psychoanalytischen Theorie. Dabei gilt  als unstrittig, dass ein wesentlicher Teil der Übertragung unbewusst wirksam wird. Das Unbewusste und Übertragung sind psychoanalytische Grundannahmen, deren Gültigkeit 100 Jahre nach ihrem Entstehen durch die Befunde der neurobiologischen Forschung bestätigt werden, was die Weitsichtigkeit ihrer Schöpfer unterstreicht. Sie gehörten zu den Hauptstreitpunkten in der psychologischen Theoriebildung, namentlich in der Auseinandersetzung mit dem Behaviorismus. In den Forschungsansätzen der beiden Richtungen haben sich im Verlaufe des vergangenen Jahrhunderts zwei folgenschwere Unterschiede herausgebildet, die dem Wissenschaftsstreit eine gewisse Unvereinbarkeit beschert haben und die nun neu gewichtet werden müssen:
Während die meisten  aus der Psychoanalyse kommenden Erkenntnisverfahren die Komplexität seelischer Vorgänge berücksichtigen –zumindest nicht in Frage stellen- und demzufolge idiographische Forschungsansätze anwenden, gelten in den behavioristischen Forschungen nomothetische Verfahren als wesentliches Prinzip, was allgemein die Eingrenzung des Forschungsthemas zur Folge hat.
Der Unterschied zwischen komplex und schwer nachzuvollziehen auf Seiten der Psychoanalyse und einfach, deshalb gut zu vermitteln, auf Seiten der Verhaltenswissenschaften, hat behavioristischen   Forschungsergebnissen einen Rezeptionsvorteil gebracht. Aber in den vergangenen 20 Jahren hat die neurobiologische Forschung zwei Annahmen als zutreffend bestätigt, nämlich die Komplexität der neuronalen Vorgänge und die Bedeutung unbewusster Aktivitäten. Die zur Beschreibung von komplexen Systemen wichtigen Erkenntnisparameter wie z.B. „Nichtlinearität“, „Gleichzeitigkeit“ „Emergenz“, „Wechselwirkung“, „offene Systeme“, „Selbstorganisation“ und andere sind bislang nicht zur Grundlage der Diskussion psychoanalytischer Theorien gemacht worden. Jeder Analytiker aber weiß zum Beispiel, wie schwierig es sein kann, eine für mehrere Fachleute akzeptable Strukturdiagnose zu stellen.
Handelt es sich nun um einen hysterischen Charakter dessen ubw. Problematik regressiv abgewehrt wird oder  um einen depressiven Charakter mit nachfolgender hysterischer Abwehr, etwa i.S. eines „strategischen Ödipus´“? Und wie bringt man da die deutlichen zwanghaften Abwehrmechanismen unter? Der diagnostische Kompromiss „depressiv-hysterischer Charakter mit zwanghafter Abwehr“ mag unterschiedliche Meinungen versöhnen, birgt aber die Gefahr, dass sich die Genauigkeit der diagnostischen Zuordnung in Beliebigkeit verliert.
Poppers Kritik der Nichtfalsifizierbarkeit psychoanalytischer Thesen kann nur auf dem Boden der linearen Betrachtung bestehen, denn in komplexen Systemen wird die Vorhersehbarkeit schwierig, weil Gleichzeitigkeit und Wechselwirkung die Linie zum Kreis erden lassen. Zeitliche geordnete Reihenfolgen beschreiben nicht die Vielzahl gleichzeitiger Bezüge. Lineare oder klassische Erkenntnisse aus komplexen Systemen stellen sich als Vektoren unterschiedlicher gerichteter Kräfte oder Knotenpunkte in einem Netzwerk dar, so genannte seltsame Attraktoren. Wir sind es z.B. gewohnt, widersprüchliche innere Impulse als Ambivalenz zu sehen  und für einen wichtigen pathogenen Faktor sui generis zu halten. Letztlich beschreiben wir aber damit einen Zustand der Gleichzeitigkeit. Wir sehen die Folge von zwei gegeneinander gerichteten inneren Kräften als Ursache an, deren weitere Erforschung uns verwehrt bleibt, wenn wir nicht anerkennen, dass die Gleichwertigkeit der Impulse, die ja erst zu dem  Dilemma führt, das Produkt innerer Wechselwirkungen ist.
Wenn man die Aufhebung bzw. Nichtexistenz der zeitlichen Reihenfolge in Freuds Traumtheorie oder  überhaupt seine Theorien zum Unbewussten bedenkt, so fällt die Vorstellung schwer, dass es sich hier um lineare Prozesse handelt. Unter dem Gesichtspunkt der damals im Wissenschaftsbetrieb waltenden Logik, die auf linearen mathematischen Modellen beruht, bleibt der „Primärprozess“  rätselhaft und muss als ein nicht weiter zu erklärendes Phänomen seelischer Aktivität akzeptiert werden.
Schon der Begriff „Psychoanalyse“ lässt deutlich werden, dass die Erkenntnis seelischer Prozesse auf der genauen Betrachtung der Einzelteile gründet, deren Zusammensetzung schließlich zu einem umfassenden Wissen über das  Ganze führen soll. Folgerichtig beruhen psychodynamische Theorien, ebenso wie die psychoanalytische Entwicklungslehre zumeist auf einem historischen Denkmodell, in welchem der zuerst entstandene Faktor A den nachfolgenden Faktor B beeinflusst und so fort. Brüche oder Diskontinuitäten in der linearen Entwicklung werden mit dem Begriff der Abwehr erklärt, was zu dem oben erwähnten behavioristischen Vorwurf der Nichtfalsifizierbarkeit führte, der sich wohl auch nur schwer in einem System linearer Abfolgen aufheben lassen wird. Wechselwirkungen oder die Möglichkeit des Entstehens emergenter Strukturen werden nicht zur Erklärung herangezogen.

Die lineare Denkweise stößt bei der Erklärung komplexer Systeme an Grenzen, so dass sich logische Prinzipien sich unter neuen  Fragestellungen ändern mussten. Meist begann es in der Physik, die an einem bestimmten Punkt die logisch -  mathematischen Grundannahmen ändern musste und der klassischen Sichtweise die Quantentheorie an die Seite stellte, um die Wirklichkeit genauer beschreiben zu können. Die Quantenmechanik   und die von ihr angewandte  Mathematik der komplexen Zahlen ermöglichte es, vor allem Wechselwirkungen  zu beschreiben.
Spätestens mit der Erkenntnis des Netzwerkcharakters neuronaler Strukturen war teilweise eine nichtlineare Betrachtungsweise der Hirnfunktionen nicht mehr zu umgehen. Dieser Erkenntnispfad ist –soweit ich erkennen kann- bisher in der psychoanalytischen Theoriebildung wenig begangen worden, was bei der Natur des Beobachtungsgegenstandes eigentlich nahe liegen würde. Ich habe die Phantasie, dass Freud, wenn er heute lebte, mit seinem immer lebendigen Interesse für die Naturwissenschaften, längst auf dem Wege wäre.

Es ist allerdings nicht unproblematisch, sein Denken durch fremde Fachgebiete beeinflussen zu lassen, noch dazu,  wenn es um Mathematik und Physik geht, deren theoretische Grundlagen schwer zu verstehen sind. Der amerikanische Mathematiker und Physiker Alan Sokal hat  schmerzhaft vor Augen geführt, wie leicht es ist, unter Anwendung eines quantentheoretischen  Vokabulars wissenschaftlichen Unsinn zu verzapfen.
Der Quantenphysiker Thomas Görnitz hat den Versuch unternommen, diese veränderten logischen Grundlagen auf Lebensprozesse allgemein und seelische Prozesse im Besonderen anzuwenden.
In den vergangenen Jahren habe ich oft festgestellt, dass sich bei bestimmten psychoanalytischen Problemen wie von selbst eine andere Sichtweise einstellte, die mir ein Verstehen leichter machte. Zwar befinde ich mich immer noch im geistigen Schwebezustand zwischen Wissen und Glauben, der mir für unser Fachgebiet nicht ganz untypisch erscheint, aber die Hoffnung verstärkt sich, dass das  Prinzip „ich glaube zu wissen“ weiter mit Wissen gefüllt wird.

 

Die Theorie der Übertragung im Lichte neurobiologischer Erkenntnisse, insbesondere die Bedeutung eines konstruktivistischen Ansatzes

Der Jahreskongress der DPG widmete sich 2006 den Übertragungsproblemen mit dem Titel „Zumutungen- Die unheimliche Wirklichkeit der Übertragung“. Bei der internationalen, fachgesellschaftsübergreifenden Besetzung der Referenten darf man wohl annehmen, dass die zeitgemäßen Auffassungen über die Phänomene Übertragung und Gegenübertragung umfassend dargestellt wurden. In keinem der später in einem Sammelband veröffentlichten Beiträge konnte ich einen Denkansatz finden, der versucht, Übertragungsphänomene unter den Gesichtspunkten der Gleichzeitigkeit und Wechselwirkung zu untersuchen. Dabei gibt es nach meinem Verständnis gute Gründe dafür.

Mit der Einführung des Begriffes „Gegenübertragung“ hatte Freud (a) schon früh der wechselseitige Charakter des Phänomens angedeutet ohne ausreichend erklären zu können, wie diese Wechselseitigkeit zustande kommt. Der Eindruck bleibt, dass Übertragung ein geheimnisvolles oder auch –bezogen auf den Titel des Jahreskongresses der DPG in 2006- „unheimliches“ Geschehen ist.
Zwei weit reichende Schlüsse aus der neurobiologischen Forschung möchte ich zunächst auf das Thema „Übertragung“ anwenden:

  1. Unsere Wirklichkeit ist eine Konstruktion des Gehirns
  2. Das Gedächtnis ist unser wichtigstes Sinnesorgan oder das Prinzip der „erinnerten Gegenwart“

Zu 1. Wir nehmen die uns umgebende Realität mittels unserer Sinnesorgane wahr. Aus deren Aktivität konstruieren wir ein Abbild der Realität, die wir Wirklichkeit nennen. Alle Sinnesorgane funktionieren nach einem einheitlichen Prinzip der Informationsverarbeitung: Eine physikalische oder chemische Energie wird von spezifischen Sinneszellen in Nervenimpulse umgewandelt, die eine Information über Qualität und Quantität der einwirkenden Energie an das zentrale Nervensystem weiterleiten. Für jedes Sinnesorgan gibt es eine spezifische Sinnesenergie, wie es schon 1826 der Physiologe Johannes Peter Müller formulierte. Die Information über die Qualität des Sinnesreizes wird überwiegend durch präformierte Strukturen bestimmt, also die Spezifität des jeweiligen  Sinnesorganes, der anhängenden zentripetalen Nervenbahnen, sowie die korrespondierenden zentralnervösen Strukturen. (Z.B. elektromagnetische Wellen eines bestimmten Frequenzspektrums, Retina, Sehnerv, zentrale Sehbahn, occipitaler Cortex, Assoziationsfelder). Die Quantität wird meist frequenzmoduliert durch Anzahl und/oder Rhythmus der Nervenimpulse/Zeit (und der beteiligten Nervenfasern) an das Zentralnervensystem vermittelt. Wenn man so will, fungieren Sinneszellen als Analog/Digitalwandler, die eine binäre Verarbeitung der gemessenen Sinnesenergie ermöglichen.
Zu 2. Die jeweils aktuell eingehenden Informationen werden mit schon im Gedächtnis vorhandenen Informationen abgeglichen. Letztere werden zur Konstruktion eines aktuellen Bildes herangezogen, wie man heute weiß, meistens nach gestaltpsychologischen Prinzipien, d.h. relativ wenige Messpunkte werden genutzt, um daraus ein schon weitgehend präformiertes Abbild der Wirklichkeit zu erzeugen. Diese, sicher energiesparende Methode, ist verantwortlich für unsere Vorurteile, auch für unsere imagines, die ja auch so etwas wie Vorurteile sind und damit auch –so möchte ich behaupten- für unsere Übertragungen. In diesem Sinne  formulierte der Philosoph und Biologe Gerhard Roth: „das Gedächtnis ist unser wichtigstes Sinnesorgan“.
Wendet man diese Erkenntnisse über die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns auf das Phänomen Übertragung an, sie wird sofort klar, dass wir es bei der Übertragung mit einem Grundprinzip menschlichen Erlebens zu tun haben. Wenn die Herausgeber des oben schon zitierten Sammelbandes in der Einleitung schreiben, dass Übertragung „eine Grundlage unserer Identität als Analytiker“ bildet, so berufen sie sich auf ein Funktionsprinzip des menschlichen Geistes und nicht auf etwas spezifisch Psychoanalytisches. Das Besondere der analytischen Sichtweise ist hingegen, dass Übertragung zum Gegenstand der Reflexion gemacht wird und –was vielleicht noch wichtiger ist- dass die eigene Übertragung in der Behandlung genützt wird.
Eines der Grundprinzipien der analytischen Behandlung ist die Neutralität, also das Nichtwerten. Folgt man den Überlegungen der Neurobiologie noch ein Stück, so muss man akzeptieren, dass die Erkenntnis der Wirklichkeit zumeist von Wertungen begleitet wird. Wertungen sind zum Überleben genauso wichtig wie Erkenntnisse. Wer die Wirklichkeit im Sinne des Überlebens richtig deutet, befindet sich im Vorteil. So gesehen ist Neutralität ein schwieriges Unterfangen und die Übertragung steht einer „objektiven“ Beurteilung im Wege. Natürlich stellen diese Ideen eines radikalen Konstruktivismus die Möglichkeit der Objektivität überhaupt in frage.
Die analytische Situation ist eine Begegnung von zwei Menschen, deren freies Spiel durch eine Reihe von Regeln eingeschränkt ist.

Gegenübertragung und Einfühlungsvermögen

Eine wesentliche  Grundlage des analytischen Verstehensprozesses ist das Einfühlungsvermögen, dessen anglizistisches Äquivalent „Empathie“ wir der Rückübersetzung freudscher  Texte vom Englischen ins Deutsche verdanken. Freuds (b) Definition der Einfühlung hat bis heute nichts an Aktualität verloren:

„Die spezifische ‚Einfühlung‘ ist kein Sich-Gleichmachen mit dem Patienten, sondern ein Erschließen des immer unerkennbar bleibenden Realen. Statt sich mit dem Analysanden zu identifizieren (Ich empfinde, was Du meinst), sorgt der Psychoanalytiker für genügend Fremdheit, die jenem erst die Begegnung mit dem eigenen unbewussten Begehren ermöglicht“

Unverkennbar ist hier der Hinweis auf die Subjektivität der Erkenntnis und man tut dem Text keine Gewalt an, wenn man ihn unter konstruktivistischen Gesichtspunkten interpretiert. Kann man unter Zuhilfenahme neuerer biologischer Erkenntnisse dieses „Erschließen des immer unerkennbar bleibenden Realen“ näher ergründen? Da sind zunächst die in letzter Zeit sehr häufig diskutierten Spiegelneurone.

Spiegelneurone sind Nervenzellen, die im Großhirn während der Betrachtung eines Vorgangs die gleichen Potenziale auslösen, wie sie entstünden, wenn dieser Vorgang nicht bloß (passiv) betrachtet, sondern (aktiv) gestaltet würde. (zitiert nach Wikipedia)

Zur Einstimmung mag dieser Vorgang Bedeutung haben, aber in der an Aktivitäten eher armen analytischen Situation bleibt ihr Erklärungswert m.E. sehr begrenzt. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass dieses neurobiologische Phänomen überstrapaziert wird, um menschliches Erleben und Verhalten zu erklären. Wichtiger erscheint mir, dass Analysand und Analytiker mit dem ihnen je eigenen Erkenntnispotential eine gemeinsame Wirklichkeit konstruieren ohne ein „Sich-Gleichmachen“, wie Freud betonte. Dieses Erkenntnispotential setzt sich bei beiden aus vererbten und erworbenen Anteilen zusammen. Dabei steht die Erlebensweise des Analysanden zwar im  Vordergrund des Diskurses, erzeugt aber im Analytiker ähnliche Vorstellungen. Der Analytiker macht sich, im Unterschied zum Analysanden, die Bedingtheit seiner Gedanken und Gefühle bewusst und ist somit in der Lage, sie zu relativieren. Denn, so muss man annehmen, wenn man hirnphysiologischen Vorstellungen folgt, Bewusstheit ist die Voraussetzung zur Veränderung. Bewusstheit bedeutet ganz allgemein ein Wissen eines Systems über sich selbst. In der Theorie über komplexe Systeme hat man Bewusstheit als ein emergentes Phänomen aufgefasst, also als ein Mehr als die Summe der Einzelteile.

Emergenz ist die spontane Herausbildung von Eigenschaften oder Strukturen auf der Makroebene eines Systems auf der Grundlage des Zusammenspiels seiner Elemente. Dabei lassen sich die emergenten Eigenschaften des Systems nicht - oder jedenfalls nicht offensichtlich - auf Eigenschaften der Elemente zurückführen, die diese isoliert aufweisen.(zitiert nach Wikipedia)

Indem der Analytiker das durch Übertragung und Gegenübertragung entstehende Bild der Wirklichkeit erkennt und interpretiert, erzeugt er im Analysanden ebenfalls einen Zustand der Bewusstheit, die Veränderungen möglich macht.
Das Besondere des Dialoges – und Analyse ist ein Dialog, allerdings mit eingrenzenden Regeln - ist, dass zwei komplexe Systeme sich austauschen. Die Wahrheit des einen, entstanden in der Fülle  der eigenen Wahrnehmungen, Erinnerungen und Bilder, trifft auf die Wahrheit des anderen, die ebenso individuell zustande kam. Gemeinsam ist ihnen die menschliche Natur, also ein bei allen mehr oder weniger ähnliches Muster des Erkennens und der Trieb- und Affektausstattung, sowie die neuronalen Grundprinzipien der Konstruktion von Wirklichkeit.  Unterschiedlich sind die Erfahrungen und die sich daraus ergebenden Engramme. Der Analytiker ist sich der Bedingtheit seiner jeweiligen Konstruktion der Wirklichkeit eher bewusst, als der Analysand, beide aber beeinflussen sich gegenseitig in diesem Vorgang. Interpretation oder Deutung heißt bewusst machen. Der Analytiker teilt seinen Vorsprung an Bewusstheit mit. Die  Sprache ist nach neurobiologischer Vorstellung die Aktivität des Bewusstseins und damit auch das Mittel Bewusstsein zu erzeugen. Deshalb ist Sprache ein unverzichtbares Mittel jeder Art von Bewusstmachung, damit auch ein zentraler Bestandteil jeder auf Veränderung zielender Psychotherapie. Die solchermaßen entstehende gemeinsame Wahrheit lässt sich als ein emergentes Phänomen verstehen, dessen Auftauchen von der Aktivität beider Beteiligter abhängig ist. Das Reale bleibt deshalb „immer unerkennbar“, weil es sich in Abhängigkeit von denjenigen ändert, die nach ihm suchen. In der Physik ist die Beschreibung der Wirklichkeit abhängig von der beobachtenden Versuchsanordnung, im analytischen Erkenntnisprozess erkenne ich Ähnlichkeiten.

Folgerungen

Es erhebt sich die Frage, was sich bei einer solchen Betrachtungsweise für Psychoanalyse und Psychoanalytiker ändert. Zunächst einmal drängt sich die Erkenntnis auf, dass Essentials der psychoanalytischen Theorie im Lichte einer neueren Betrachtung nicht spezifisch psychoanalytisch sind. Es handelt sich um Grundprinzipien menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnis. Das Verdienst der Psychoanalyse ist, sie beschrieben und ernst genommen zu haben. Die für Viele so wichtige „Identität als Analytiker“ besteht darin, der Komplexität des Menschen und deren Auswirkung auf sein Verständnis von Wirklichkeit  Rechnung zu tragen. In der Auseinandersetzung mit anderen psychologischen Forschungsrichtungen ist das, so darf man nach meiner Auffassung heute behaupten, ein ganz wesentlicher Fortschritt. Es dürfte schwer sein, psychoanalytische Theorien – wie das in früheren Zeiten oft geschah - als veraltet und obsolet anzusehen. Es sollte auch deutlich werden, dass der Preis für eine von nomothetischen  Verfahren geprägte Erforschung der menschlichen Natur sehr hoch ist, nämlich der, wesentliche Erkenntnisse gar nicht erst machen zu können.
Ohne Dialog ist psychoanalytische Erkenntnis nicht möglich. Es gibt nicht ein beobachtendes Subjekt und ein beobachtetes Objekt. Der Lernende ist deshalb kein Anfänger im herkömmlichen Sinne. Schon in der ersten Behandlung ist seine Präsenz Teil der analytischen Erkenntnis. Der Unterschied zwischen ihm und dem Erfahrenen besteht in der Fähigkeit, den oben beschriebenen Grundprinzipien der analytischen Behandlung nahe zu kommen, seine eigenen Gefühle und Gedanken im analytischen Prozess ernst zu nehmen und sie zum Verständnis zu verwenden. Supervision von Ausbildungsbehandlungen heißt dann nicht vorrangig „was hat der Kandidat richtig oder falsch gemacht?“, sondern Supervision gilt der Frage „wie entwickelt sich der Dialog?“ oder auch „warum entwickelt er sich nicht?“.   Die zahlreichen psychoanalytischen Schulen sind vermutlich deshalb entstanden, weil man nach Gewissheiten gesucht hat, die weder der Beobachtungsgegenstand noch die vorhandenen Erkenntnismethoden überhaupt zulassen. Das Reale bleibt eben „immer unerkennbar“. Freud hat sich in dem oben angeführten Zitat mit der Vokabel „Erschließen“ geholfen. Der Begriff ist so vage, dass viele die Vorsicht nicht verstanden zu haben scheinen, aus der er geboren wurde. Die psychoanalytische „Bewegung“ mit all ihren unguten Folgen für die Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse scheint mir genau an dem Punkte entstanden zu sein. Es ist schwer auszuhalten, Gewissheiten immer nur für die Gegenwart (nach neurobiologischen Erkenntnissen also ca. 2,7 Sekunden lang) zu haben und sie von zukünftigen Erkenntnissen in Frage gestellt zu wissen.
Sich auf psychoanalytische Erkenntnisse einzulassen bedeutet unter den geschilderten Vorrausetzungen aber nicht nur, Ungewissheiten auszuhalten, es bedeutet auch, sich selbst ständig mit einer Ernsthaftigkeit zum Gegenstand der Selbstbetrachtung zu machen, wie es in nur wenigen anderen Tätigkeiten gefordert wird. Das geht zum mindesten auf Kosten der Bequemlichkeit. Im Sinne einer deformation professionnelle kann aber die Aufrichtigkeit auch zu einer Lebenshaltung werden, die im sozialen Zusammenspiel nicht immer von Vorteil ist.
Worin besteht denn unter diesen Gesichtspunkten die Wirksamkeit der Psychoanalyse? Freud (c) hatte  mit dem Begriff „Usur“ den Sachverhalt bezeichnet, dass der Affektbetrag einer Vorstellung sinkt, wenn sie Gegenstand der bewussten Beschäftigung ist. Die Wirksamkeit der analytischen Kur bestehe also darin, dass mit dem Bewusstwerden unbewusste Konflikte ihre emotionale Bedeutung verlieren. Diese Grundannahme der psychoanalytischen Theorie wird durch Schlussfolgerungen aus neurobiologischen Forschungsergebnissen heute gestützt. Danach ist Denken und damit die Möglichkeit der Veränderung ein bewusster Prozess, „dem eine tief verwurzelte Struktur notwendiger unbewusster Mechanismen zugrunde liegt, unter anderem ein nicht repräsentational arbeitendes Gedächtnis, einschränkende Wertvorgaben und das Wirken von Schaltkreisen über kortikale Anhänge wie Basalganglien, Hippocampus und Kleinhirn.“ (Gerald. M. Edelmann & Giulio Tononi) Nur so ist es dem Gehirn möglich, sozusagen die Programme zur Wahrnehmung und Konstruktion von Wirklichkeit und damit des Handelns zu verändern. Diese Sichtweise kommt, wie ich meine, der psychoanalytischen Theorie sehr entgegen, sie wendet sich gleichzeitig gegen die phänomenologischen und am klassisch- naturwissenschaftlichen Denkmodell orientierten Erklärungsversuche, wie wir sie aus dem Behaviorismus kennen.
 
 
Literatur:

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Dr. med. Rainer Sandweg, Rotdornweg 1, 66 450 Bexbach ,Email: r.sandweg@t-online.de