„Neues aus dem SIPP“

Vortragsveranstaltung des Saarländischen Instituts für Psychoanalyse und Psychotherapie

Am 04.12.2010 lud das Saarländische Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie zu einer  Vortragsveranstaltung ins „Domicil Leidinger“ ein. Unter dem Titel „Neues aus dem SIPP“ stellten 5 Institutsmitglieder ihre kürzlich von renommierten Fachzeitschriften zur Veröffentlichung angenommenen bzw. bereits publizierten Arbeiten vor. Die Veranstaltung sollte einen Einblick geben in das aktuelle wissenschaftliche Schaffen und Denken hiesiger Psychoanalytiker  und die interessierte Öffentlichkeit in diesen Diskurs mit einbeziehen. Das SIPP, das 2011 sein 20- jähriges Bestehen feiert und damit das älteste psychotherapeutische Ausbildungsinstitut im Saarland ist, verstand sich von Anfang an nicht nur als ein reines Ausbildungsinstitut für angehende ärztliche und psychologische Psychoanalytiker, sondern legte, wie Alf Gerlach als gegenwärtiger Vorsitzender in seiner Begrüßung betonte, stets großen Wert auf wissenschaftliches Arbeiten und unterstützt dazu zahlreiche Forschungsaktivitäten. Davon zeugen mehrere öffentliche Vortragsveranstaltungen zu psychoanalytischen und psychotherapeutischen Themen aber auch zu gesellschaftspolitischen Fragen wie etwa der sogenannten „Krippensozialisation“, sowie die seit einigen Jahren existierende und stets gut besuchte Reihe: „Psychoanalytiker stellen Filme vor“, die in Zusammenarbeit mit dem „Filmhaus“ in Saarbrücken regelmäßig stattfindet.

In den Vorträgen am 04. Dezember wurde daher auch ein weiter Bogen gespannt, der von eher konzeptklärenden Arbeiten über wissenschaftshistorische und klinisch praktische Betrachtungen hin zu soziokulturellen und sozialpsychologischen Themen wie Konsumverhalten und Identitätsbildung auch unter einem interkulturellen Blickwinkel reichte.

Rainer Krause widmete sich in seinem Vortrag dem „Konzept der Verinnerlichung in der Psychoanalyse“, welches er unter den Begriffen  „primäre Identifizierung“, „Introjektion“, „Einfühlung“ und „Empathie“  diskutierte. V.a. die „primäre Identifizierung“ ist in Freuds Werk als „früheste Äußerung einer Gefühlsbindung an eine andere Person“ widersprüchlich definiert. Kernberg bezeichnet daher die primitiven und grundlegenden Formen der Verinnerlichung als „Introjektionen“, die sich aber nicht auf einzelne Attribute eines Objektes sondern auf affektiv gefärbte Interaktionen beziehen. Das Problem bei Identifizierungen besteht darin, dass sie, definiert als Angleichung eines Selbstbildes an eine Objektrepräsentanz, logisch eine Subjekt-Objekt-Trennung voraussetzen, welche aber in den Frühzeiten der Entwicklung noch gar nicht gegeben ist. Krause hat in seiner Affekttheorie dargelegt, dass Affekte aufgrund ihrer propositionalen Struktur schon bei sehr kleinen Kindern spezifische Verhaltensdispositionen auslösen können, die kognitiv nicht abgebildet sein müssen („Affektansteckung“). Zur Klärung der Hierarchie der verschiedenen Verinnerlichungsformen griff er in seinem Vortrag auf den von Freud benutzten Begriff der „Einfühlung“ zurück, der später ungenau mit „Empathie“ übersetzt wurde. Mit Einfühlung hatte Freud einen grundlegenden Mechanismus im Verständnis anderer Personen bezeichnet, der auf einer Art innerer „Nachahmung“ auf körperlicher Ebene beruhe (körperliche Mimikry). Diese Beschreibung einer angeborenen Fähigkeit, aufgrund der Beobachtung des Verhaltens anderer bei sich selbst bestimmte motorische Muster zu aktivieren, erfordere noch keine Selbst- Objektdifferenzierung und nehme die Existenz der „Spiegelneurone“ intuitiv voraus. Eine Trennung von Selbst- und Objektbildern sei sogar hinderlich für eine solche Übernahme, sie sei aber die unabdingbare Voraussetzung für Identifizierungen und für empathisches Verstehen des anderen, weil dazu die Entscheidung, um wessen Gefühl es sich denn nun handelt und die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme notwendig seien.  Krause schlug vor, bei den Verinnerlichungsprozessen und damit beim Aufbau einer mentalen Innenwelt eine frühe Ebene anzunehmen, auf der noch vor einer  Subjekt-Objekt-Trennung die Internalisierungen durch die Wahrnehmung der affektiven Signale der primären Bezugspersonen via Affektansteckung induziert werden (Freuds „primäre Identifizierung“). Introjektion und Identifikation würden sich dann hinsichtlich des Grades unterscheiden in dem diese „Hereinnahmen“ von Objektattributen das sich entwickelnde Kern-Selbst beeinflussen. Im Falle der Introjektion käme es dabei zu grundlegenden Veränderungen auf dieser Ebene, so dass der Eindruck eines mehr oder weniger autonomen „Fremdkörpers“ im Selbst entstünde, ein Vorgang, den Krause mit Piagets Mechanismus der Akkommodation gleichsetzte. Identifikationen dagegen zeichneten sich aus durch die Assimilation der fremden Attribute an das Kernselbst, wobei dieses seine grundlegenden Merkmale beibehalte.

Rainer Sandweg befasste sich mit Freuds Aufsatz „Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie“ von 1910. Es handelt sich dabei um den Eröffnungsvortrag des 2. Internationalen psychoanalytischen Kongresses in Nürnberg, auf dem u.a. die Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPV) gegründet wurde. Freud entwickelte darin eine „Zukunftsvision“ der Psychoanalyse als einer psychotherapeutischen Behandlungsmethode, wobei er sich mit Fragen und Aspekten auseinandersetzte, die auch für jede andere Form von Psychotherapie bis heute relevant geblieben sind. Eine Besserung der therapeutischen Chancen für die Zukunft erwartete er dabei aus „inneren Fortschritten“ wie der Erweiterung des (analytischen) Wissens über die einzelnen Störungsformen und aus Modifikationen der Behandlungstechnik, die sich in Abhängigkeit von Krankheitsbild und Persönlichkeitsstruktur des Patienten ergeben. Weiterhin erhoffte sich Freud einen allmählichen Autoritätszuwachs der (psychoanalytischen) Psychotherapie in der Gesellschaft, wobei er diesbezüglich aber skeptisch blieb, da er von einem abwehrbedingten Antagonismus zwischen gesellschaftlicher Anerkennung und psychoanalytischen Einsichten und Erkenntnissen ausging. Schließlich setzte er große Hoffnungen in die „aufklärende Wirkung“ der Psychoanalyse als „die gründlichste Prophylaxe der neurotischen Erkrankungen“.

In seiner Betrachtung von Freuds Ideen konzentrierte sich Sandweg auf die Entwicklung der frühen Psychoanalyse „von einer Wissenschaft zu einer Bewegung“ und auf die bis heute anhaltenden Anfeindungen sowie die mangelnde Akzeptanz ihrer Inhalte. Für Sandweg war dies eine unvermeidliche Folge aus den erkenntnistheoretischen Regeln, die gegen das dominierende naturwissenschaftliche Welt- und Menschenbild der damaligen Zeit verstießen. So ist bis heute in der Psychoanalyse die Selbsterkenntnis des Analytikers eine unverzichtbare Voraussetzung für eine Erkenntnis des Patienten, da Freud Zufolge „… jeder Psychoanalytiker nur so weit kommt, als seine eigenen Komplexe und inneren Widerstände es gestatten“. Daraus wurde in der psychoanalytischen Ausbildung die Lehranalyse als deren, neben Theorieseminaren und supervidierten Patientenbehandlungen, dritter zentraler Baustein. Apodiktisch erklärte Freud, dass  „wer in einer solchen Selbstanalyse nichts zustande bringt, … sich die Fähigkeit, Kranke analytisch zu behandeln, ohne weiteres absprechen [mag]“. Freud, der ein ausgezeichneter Naturwissenschaftler war, verzichtete auf experimentelle Untersuchungsmethoden und die Erhebung messbarer und damit statistisch überprüfbarer Daten, weil er dies dem Gegenstand als nicht angemessen ansah. Er verwies darauf, „…dass diese Beweise anderswo zu finden sind, und dass ein therapeutischer Eingriff nicht so geführt werden kann wie eine theoretische Untersuchung“. Angesichts der Erforschung komplexer Systeme wie der menschlichen Psyche  geht die genaue Erforschung des Einzelfalles, die ideographische Methode, einer nomothetischen Beweisführung voraus. Als adäquates Mittel zur Erfassung des Untersuchungsgegenstands diente die Freie Assoziation. Aus den hierüber in der klinischen Arbeit gewonnenen Beobachtungen wurden Hypothesen und Theorien entwickelt, die zunächst einmal nichts anderes als wissenschaftliche Spekulationen sein konnten, zumal Freud und seine Anhänger keine streng empirischen Beweise dafür anführten. Die „Bewegung“ bot einen geschützten Raum, in dem man ungestört Hypothesen schmieden konnte, ohne sie sogleich statistisch belegen zu müssen. Bis heute halten die Diskussionen über das adäquate Menschenbild und das angemessene Forschungsparadigma im Diskurs der wissenschaftlichen Psychotherapieforschung an. Freuds Hoffnung, die Erkenntnisse der Psychoanalyse dereinst auf eine naturwissenschaftliche Basis stellen zu können, erfahre, so Sandweg, durch die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung eine gewisse Bestätigung.

In ihrem Vortrag widmete sich Judith Zepf dem Thema: „Adoleszente Krisen, Körperbild und Abwehr“.  Die Adoleszenz, als Entwicklungsphase im Übergang vom Kind/Jugendlichen hin zum Erwachsenen, gilt als eine Zeit großer psychischer Instabilität, die nicht selten äußerst krisenhaft verlaufen und mit schweren psychopathologischen Symptomen einhergehen kann. Das klinische Bild dieser psychischen Auffälligkeiten ist dabei nicht einheitlich, auf der Ebene der manifesten Symptomatik und des Verhaltens lässt sich kein Syndrom identifizieren. In der Psychoanalyse werden die offen beobachtbaren Symptome als Manifestationen einer überlasteten Abwehrtätigkeit des Ich in seiner Auseinandersetzung mit den Trieben gedeutet. Der britische Psychoanalytiker Moses Laufer sah die zentrale Aufgabe des Adoleszenzprozesses darin, die noch kindliche Persönlichkeit an die Realität der pubertären Körperveränderungen anzupassen und eine erwachsene Persönlichkeit mit einer erwachsenen Sexualorganisation auszubilden. Das „innere“ psychische Bild des Körpers muss mit dem wirklichen Körper übereinstimmen, was bedeutet, das Körperbild muss die Vorstellung eines sexuell gereiften Erwachsenenkörpers enthalten, zu dem natürlich neben den sekundären Geschlechtsmerkmalen ein erwachsenes Genitale gehört. Die Genitalreifung mobilisiert jedoch erneut den ödipalen Konflikt und seine je spezifischen Lösungsversuche, wodurch es zu Angstentwicklung und Abwehrmaßnahmen kommen kann. Diese Abwehrmaßnahmen können jede Form annehmen, häufig zentrieren sie sich jedoch um die Körpervorstellungen und den Umgang mit dem Körper. Der Entwicklungsprozess kann in eine Krise geraten, unterbrochen werden oder gar völlig zum Stillstand kommen, wobei im schlimmsten Fall dieser Stillstand nicht mehr überwunden wird. Eine erwachsene Sexualität und eine Erwachsenenpersönlichkeit kommen dann nicht zustande. Ausgehend von Laufers Arbeiten über die Adoleszenzkrise illustrierte Judith Zepf dieses metapsychologische Konzept an zwei eindrucksvollen Behandlungsverläufen zweier adoleszenter Mädchen, deren adoleszente Krisen sich zwar rein äußerlich unterschieden, deren Abwehrstrategien aber ähnlich waren und sich beide am Körperbild abspielten.

Siegfried Zepf analysierte den Zusammenhang zwischen „Konsum und Identität“. Viele Autoren haben darauf hingewiesen, dass personale Identität eng mit Besitztum verbunden ist (etwa Erich Fromm: „Wir sind, was wir haben“). Personale Identität, verstanden im Sinne Ericksons als die Wahrnehmung von Gleichheit und Kontinuität unserer selbst über die Zeit hinweg, vermittelt sich normalerweise über die Interaktionsprozesse mit den elterlichen Identifikationsfiguren und ihren Ge- und Verboten. Zepf warf die Frage auf, wie es zu einer „warenvermittelten Identität“ kommen könne, in deren Entstehung  die personalen Beziehungen durch unbelebte Gebrauchsgüter ersetzt seien. Ein Faktor sei dabei die in der Werbung verfolgte Strategie, nicht mehr allein den „instrumentellen Wert“ eines Produktes zu betonen, sondern den Konsumenten einen „Erlebniswert“, einen „psychischen Gebrauchswert“ zu suggerieren, der sich an offen gebliebene Wünsche richte, die im Verlaufe der Sozialisation verdrängt werden mussten und somit nur auf indirektem Wege realisierbar  blieben. Die angebotene Ware nehme dann die Rolle einer Ersatzbildung für diese unbewusst gewordenen Wünsche ein, indem sie sich mit ihnen identifizieren lasse und deren Erfüllung verspreche. Geschieht dies vor dem Hintergrund einer bereits vorhandenen expliziten personalen Identität und einer klaren psychischen Struktur, so handele es sich dabei lediglich um den Versuch einer partiellen Identitätserweiterung um solche unbewusst gebliebenen Anteile. Erst dort, wo beides nur rudimentär vorhanden sei, könne es dazu kommen, dass Konsum- und Besitzverhalten dazu benutzt würden, eine personale Identität erst zu entwickeln. Zepf sieht diese Merkmale bei einem gegenwärtig dominierenden Sozialcharakter, den bereits Adorno als „manipulativ“ beschrieben hat. Fromm nennt ihn „marketing-orientiert“, mit einer Identität, die in seinem Besitztum gründet. Diese Individuen verstehen »sich selbst als Ware«, sie sind »frei von jeglicher Individualität«, „adaptiv flexibel“ und orientieren sich vorrangig an ihrem »Tauschwert«, an der eigenen »Verkäuflichkeit«. Sie verfügen über eine »manipulative Intelligenz als Instrument zur Erreichung konkreter Ziele«, behandeln Menschen wie Dinge, und beide sind »genauso ersetzbar, da keine tieferen Bindungen an sie bestehen«. Diese fehlende Unterscheidung und prinzipielle Austauschbarkeit von Personen und Sachen sieht Zepf als Kernmerkmal dieses Charakters. Er führt dies u.a. zurück auf die veränderten Sozialisationsbedingungen von Kindern, in der emotionale und konstante intersubjektive Beziehungen mehr und mehr ersetzt würden durch technologische Geräte und automatisierte Spielzeuge, wodurch ein sachlich-rationaler und instrumenteller Umgang mit den Kindern gegenüber personalen Interaktionen überwiege.  Die Nichtverfügbarkeit der Eltern erzeuge auf Seiten des Kindes Unlust, die über den Gebrauch dinglicher Gegenstände abgewehrt werde, Gegenstände, die über genau die Eigenschaften verfügen, die in den Beziehungen zu Personen vermisst wurden: „Sie sind konstant vorhanden, zeigen keinerlei Eigenaktivität, und sie können sich gegen die kindlichen Interessen so wenig zur Wehr setzen, wie sich das Kind gegen die elterlichen Interessen wehren konnte“. Damit einher gehe eine Selbstidealisierung des Kindes, die über die Identifikation mit von der Kulturindustrie bereitgestellten Vorbildern erreicht werde, für die aufgrund einer technischen und magischen Überlegenheit alles machbar scheine. Aufgrund fehlender oder mangelnder personenspezifischer Interaktionen mit den wichtigen Bezugspersonen  und damit eingeschränkten Identifikationsmöglichkeiten entwickele sich beim Kind keine personale sondern eine apersonale Identität, deren Kern ein aus vorfabrizierten und austauschbaren Plastikfiguren sowie werbewirksam dargebotenen Waren bestehendes narzisstisches Größenselbst bildet, das ständig neu stabilisiert werden müsse.

Alf Gerlach, der auf eine mehr als 25-jährige Erfahrung mit interkulturellen Begegnungen in Lehre und Forschung in China zurückblicken kann und der im Rahmen dieser Tätigkeit auch etliche psychoanalytische Behandlungen mit Patienten aus fremden Kulturen durchgeführt hat, sprach über „Faszination, Befremdung und Kontaktangst – Ethnopsychoanalytische Überlegungen zur Großgruppenidentität“.  Die Begegnung mit Angehörigen einer fremden Kultur ermöglicht es uns, unser eigenes Eingebundensein in eine Großgruppenidentität mit den damit verbundenen unbewussten ich-syntonen Einstellungen, Werthaltungen und Verhaltensmustern bewusst zu erfahren. Die unterschiedliche Sozialisation, die beide Beteiligten einer solchen Interaktion erfahren haben, bedingt jeweils besondere Formen der Beziehungsgestaltung, was beim Gegenüber im positiven Falle zu Gefühlen von milder Irritation und Faszination führt, im negativen Fall dagegen Befremdung und Angst auslösen kann. Die Konfrontation mit dem Fremden führt so zu affektiven Gegenübertragungsreaktionen, die unser Verständnis des anderen einengen. Diese Reaktionen stehen im Dienste einer Abwehr, die durch Abgrenzung gegenüber dem anderen und durch Stärkung von Gruppenidentitäten gegen diese Verunsicherung schützen soll. Ausgehend von eigenen persönlichen Erfahrungen beschrieb  Gerlach diese Phänomene unter Heranziehung verschiedener psychoanalytischer Konzepte. Zum einen ist dies das Konzept der „psychosozialen Abwehr“ von Mentzos, worunter er von der jeweiligen Bezugsgruppe bereitgestellte „formelle und informelle institutionalisierte Verhaltensmuster als fertige Angebote eines Abwehrverhaltens“ versteht, die unbewusst die entsprechenden Verhaltensdispositionen steuern. Volkan sprach von der Herausbildung einer „Großgruppenidentität“, die „es dem Einzelnen ermöglicht, ein fortwährendes Gefühl des Gleichseins mit Anderen zu teilen“. Sie ermöglicht die Herstellung von Zugehörigkeit und Zusammenhalt, was sich auch als Abwehrmaßnahme gegen innere wie äußere Bedrohungen verwenden lässt. Devereux unterschied ein „ethnisches“ Unbewusstes, dessen Inhalte durch kulturspezifische Verdrängungsprozesse bestimmt sind, von einem „idiosynkratischen“ Unbewussten, welches die verdrängten Elemente aus dem individuellen Schicksal des Einzelnen enthält. Beide Formen des Unbewussten verhalten sich komplementär zueinander und lassen sich nicht gegeneinander austauschen oder aufeinander reduzieren. Was uns in der Begegnung mit einer fremden Kultur unmittelbar klar wird, gilt natürlich in milderer Form auch für Begegnungen zweier Individuen, die zwar innerhalb der gleichen Gesellschaft aber dort in unterschiedlichen sozialen Schichten  aufgewachsen sind, ein Umstand, der für Psychotherapeuten zwar alltäglich ist, der aber dennoch oft nicht genügend reflektiert wird. Zur Bearbeitung und Überwindung dieses Gegenübertragungswiderstands bedarf es einer Anerkennung der Andersartigkeit des jeweiligen Gegenübers und der Entwicklung einer selbstreflexiven Haltung, die auf die Erforschung unserer eigenen inneren Welt und unseres Erlebens gerichtet ist.  Dann kann die Gegenübertragung, wie es die Entwicklung der Behandlungstechnik in der Psychoanalyse gezeigt hat, von einer Quelle des Widerstands zum Ausgangspunkt für ein tieferes Verständnis fremdseelischer Prozesse werden.

Die etwa 60 Zuhörer hatten im Anschluss an die Vorträge Gelegenheit, mit den Referenten in verschiedenen Workshops über die angesprochenen Themen zu diskutieren und sie zu vertiefen. Das SIPP wird diese Form der öffentlichen Veranstaltung fortsetzen, um die Diskussion über psychoanalytische, psychotherapeutische und gesellschaftspolitische Inhalte breiter zu gestalten. Interessierte sind dazu jederzeit willkommen. Sie können sich entweder telefonisch unter der Nummer: 0681-390 49 45 oder per E-Mail unter: psychoanalyse@sipp.de in einen Mailverteiler aufnehmen lassen.

Thomas Anstadt